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Das Angesicht einer Stadt ist abhängig vom Blickwinkel der BetrachterInnen. Oliver Zöhrer wählt eine tiefe Perspektive, begegnet den ProtagonistInnen seiner Fotografien nicht auf Augenhöhe und baut dadurch jene Distanz zum Geschehen auf, die seine spezifische Art der Bildproduktion ermöglicht. „If your photographs aren't good enough, you're not close enough.“1, so Robert Capa’s Wahlspruch. Oliver Zöhrer erweitert diese Aussage um den vertikalen Aspekt der Perspektive, er blickt von außen, von unten auf die Sujets, so wie ein „Kurzläufer“ die Welt sieht.

„Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär‘ mein Hund.“2, so der Barde Reinhard Mey. Der Wunsch nach Abstand, erreichbar durch den Einsatz der Kamera, wird in Oliver Zöhrer’s Arbeit in eine spezifische Bildästhetik übersetzt, deren Wurzeln angesichts seiner Biographie in der Malerei zu suchen sind. Zugleich ist es auch die Negation einer malerischen Herangehensweise, die seine Bilder charakterisiert. Er trifft insofern eine Aussage über das Wesen der Fotografie, als es diese technische Neuerung war, die die Dokumentation einer Szene ermöglichte, ohne mit derselben zu verwachsen, wodurch zwar kein objektiver, mitunter jedoch ein distanzierter Standpunkt gefördert wurde.3

Das Sehen, ohne bewusst am Geschehen zu partizipieren, sich selbst im Augenblick des Fotografierens als außerhalb der Ereignisse zu betrachten, charakterisiert die Arbeitsweise vieler KünstlerInnen.4 Im „rechten Augenblick“5 richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf den Sucher, die Umgebung wird restlos ausgeblendet - das zeitbezogene Denken, das Erfassen einer Situation mit allen Sinnen und die damit verbundenen Reize lösen sich zugunsten des Wahrnehmens von Einzelbildern auf, um von den BetrachterInnen der Fotografien durch Produkte der eigenen Fantasie ersetzt zu werden.

Oliver Zöhrer’s Bilder sind aus dem ursprünglichen Handlungszusammenhang herausgelöst und ermöglichen dadurch die Konstruktion von neuen Geschichten. So wie Literatur im Geiste in Bilder übersetzt werden kann, provozieren Zöhrer’s Fotografien eine erzählende Rezeption. Nicht zuletzt ist diese Schau als Auszug aus einem Bildband, der 2010 erscheint, zu verstehen.

Klaus Bock (2009)



1 Zit. nach
http://www.magnumphotos.com/archive/C.aspx?VP=XSpecific_MAG.PhotographerDetail_VPage&l1=
0&pid=2K7O3R14YQNW&nm=Robert%20Capa, download am 14.10.2009

2 Titel neun des Albums „Unterwegs“ (CD 1),
http://www.reinhard-mey.de/index.php?id=1429&render=track&w=1280,
download am 14.10.2009

3 Vgl. Szeless, Margarethe: Emil Kläger & Hermann Drawe. „Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“. In: Schwarz, Werner Michael/Szeless, Margarethe/Wögenstein, Lisa (Hrsg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2007. S. 98-109.

4 James Nachtwey bezeichnet sich selbst als „Ein Aussenstehender […], der plötzlich die Kamera zückt […].“, zit. nach http://www.war-photographer.com/de/, download am 14.10.2009

5 Nach dem Buchtitel: Auf der Suche nach dem rechten Augenblick: Aufsätze zur Photographie und Erinnerungen an Freunde. Cartier-Bresson, Henri. Berlin/München: Ed. Pixis, 1998